Die Straßen von Philadelphia

Heute ist es gar nicht so einfach meinen Blog Beitrag so zu schreiben, dass ihr einen umfassenden Eindruck von Philadelphia, so wie ich es gesehen habe, erhaltet.

Ich starte den heutigen Tag mit einem morgendlichen Lauf genau in jenen Straßen, die Bruce Springsteen besingt. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, den Song nicht während meines Laufs zu spielen und dennoch geistert die Melodie und der Text rasch in meinem Kopf herum. Sonntagmorgens ist noch nicht viel Leben in Downtown Philadelphia. Die Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg in die Häuserschluchten. Vor den Hoteleingängen stehen die Portiers in ihren Uniformen. Einige Anliefer–LKWs sind unterwegs, touristische Frühaufsteher und Menschen, welche die heiße Nacht auf den Straßen verbracht haben. Es sind nicht wenige und viele sind wirklich heruntergekommen, in einem sehr erbärmlichen Zustand – selten habe ich so heruntergekommene Obdachlose gesehen.

Zurück im Hotel ist immer noch Stille und Dunkelheit im Zimmer. Zeit, dass ich den Morgen herein lasse!

Wir starten unseren Tag im INHP, den Independence National Historic Park. Der Park ist eine großzügige Anlage, mit Besucherzentrum und Parkanlage. Die Anlage, welche vom Nationalpark Service betrieben und verwaltet wird, so wie alle zugehörigen Gebäude und Museen, ist Tip Top in Schuss - darauf legen die Amerikaner großen Wert. Am nördlichen Ende des Independence National Historic Parks befindet sich das National Constitution Center, am südlichen die Independence Hall.

Was viele nicht wissen, sowohl die Unabhängigkeitserklärung, als auch die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika wurden hier in Philadelphia entworfen und von den 13 Gründungsstaaten unterzeichnet. Es war der Sommer im Jahr 1778, der den Grundstein für die USA legte. Wir nehmen an einer sehr interessanten Führung durch die Independence Hall teil und erfahren historische Grundlagen, bevor wir genau jenen Raum betreten, in welchem beide so bedeutsamen Dokumente erarbeitet und unterzeichnet wurden. Geschichte zum Anfassen, die auch unseren Teenagern Spass macht.

Vom INHP aus laufen wir durch die feuchte und drückende Mittagshitze hinunter zum Delaware River, welcher die Staatsgrenze zwischen New Jersey und Pennsylvania markiert, tauchen ein, in eine kleine Gasse mit dem Namen Elfreth‘s Alley. Hier befinden sich noch wenige, englisch-irisch geprägte Häuser aus der ganz frühen Gründungszeit Philadelphias im Jahr 1682. Ein gewisser William Penn und die ihm zugehörige Quäker Gruppe sind die Väter der Stadt.

Aus Old Town bewegen wir uns zurück in Richtung nördliches Ende des  Independence National Historic Parks, vorbei am Betty Ross Haus und der kleinen Friedhofsanlage der Christ Church. Hier liegt Benjamin Franklin begraben. Eine Gedenktafel neben seinem Grab zeigt die Meilensteine seines Lebens auf - sehr beeindruckende Etappen! Wer sich übrigens gerade beim Lesen gefragt hat, wer Betty Ross war: sie hat die erste Flagge der Vereinigten Staaten genäht - 13 Sterne im Kreis angeordnet, sowie die bekannten Streifen.

Wir steigen in die U-Bahn Market, Ecke 5te Straße ein und fahren zurück nach Downtown, Ausgang City Hall. Das Rathaus gleicht eher einem Schloss oder einer Festung. Sein 167m hoher Rathausturm ist weithin sichtbar. Im Dilworth und Love Park hinter dem Rathaus legen wir Pausen ein und jeder genießt das bunte Treiben auf seine Weise. Die Teens werden wieder für kurze Zeit zu Kindern und erfrischen sich in der Brunnenanlage, Susann streckt die Beine aus sonnt sich und ich suche Motive für Bilder. 

Die Hitze ringt uns trotz Pause einen erfrischenden Stop in unserem Hotel ab, wo wir uns für gut 2 Stunden ausruhen und erst am späten Nachmittag nochmal in die Straßen von Philadelphia bewegen. Im Independence Biergarten kehren wir schlussendlich zum Abendessen ein und schlendern in der Dämmerung zurück.

Mein morgendlicher Blick auf die Straßen von Philadelphia hat viele Färbungen bekommen. Mir fällt auf, dass sich die Stadt lebendig, von seiner Architektur abwechslungsreich, und mit seinen vielen Museen als sehr attraktiv zeigt. Ja, auch die Obdachlosen gehören zu diesen Facetten einer US amerikanischen Großstadt. Wer die Ostküste bereist, sollte nicht nur NYC und Washington D.C. auf seinem Reiseplan haben, sondern unbedingt auch Philadelphia.

Bilder aus den Straßen von Philadelphia findet Ihr hier.

Yale - Bulldogs

New Haven, ebenfalls von puritanischen Einwanderern im Jahr 1636 gegründet, wirkt an sich eher durchschnittlich, wäre da nicht der in Downtown dominierende Campus der Yale Universität. Allein wegen dieser schönen und altehrwürdigen Gebäude lohnt es sich hier einen Stop einzulegen.

Ich weiß nicht genau, was es ausmacht aber der Campus gefällt mir auf Anhieb richtig gut. Ein Flair, wie man es aus Filmen kennt, verbreitet sich. Junge Menschen kommen an, rollen mit ihren Koffern und den Eltern im Schlepptau über das Gelände. Sie werden von den letztjährigen Neuankömmlingen in auffällig roten Shirts in Empfang genommen. Einige werfen sich im Gelände ein paar Bälle zu, andere verbreiten Partystimmung und auch die ruhigeren Charakter sind vertreten. Die Gebäude sind still, lassen die gotischen Mauern sprechen und verbreiten einen Hauch intellektueller Dominanz.

Ich bin ein wenig traurig, dass ich schon so alt bin und diese besonderen Jahre nicht mehr genießen kann. Gleichzeitig freue ich mich, meine Kinder durch diese Zeit begleiten zu können. Beide sind ebenfalls sehr angetan und könnten sich vorstellen hier zu studieren oder das College zu besuchen. Susann und ich schauen uns an und denken vermutlich beide daran, nach dem Urlaub Gespräche zur Gehaltsanpassung durch Aufbau einer geschickten Ja-Kette zu führen. 😬🤑

Den gut zweistündigen Spaziergang durch Yale beenden wir mit einem Strafzettel für eine abgelaufene Parkuhr im Wert von 25 USD. Wir deuten das als ein Zeichen und werden uns diesen ersten Strafzettel in Yale aufheben. Bleibt vielleicht nicht der letzte!

Yale Bilder gibt es hier.

Von Providence nach New Haven

Providence, die Hauptstadt des kleinsten US Bundesstaates, Rhode Island, hatte ich bisher nie auf dem Zettel. Mir ging es sicher wie vielen, irgendwie hat man den Namen bereits gehört, es fehlt einem jedoch ein Bild vor den Augen. Für mich hat sich dies mit dem heutigen Tag geändert und wer sich die Bilder zum Blogeintrag ansieht bekommt ebenfalls einen ersten Eindruck.

Im Jahr 1636, von dem aus Boston vor der Anklage der Ketzerei geflohenen Roger Williams gegründet, entwickelte sich Providence bis um 1900 zu einer der vermögensten Städte der USA. Insbesondere durch Handel, Textil-, Werkzeug- und Industrieproduktion getrieben. Große Namen der Zeit waren: Brown & Sharpe, Corliss Steam EngineCompany, Babcock & Wilcox, Grinnell Corporation, Gorham Manufacturing Company, Nicholson File und Fruit of the Loom. Heute dominieren vor allem die Brown University, das Government sowie großen Kliniken den Arbeitsmarkt.


Die Stadt wirkt in meinen Augen übersichtlich und etwas verschlafen. Irgendwie hat Providence einen besonderen Charme und Charakter, der von den vielen, sehr alten Gebäuden aus der Zeit des Art Deco Stils ausgeht. Einige der Häuser sind in top Zustand, andere “under construction”, wenige wirken verlassen. Dennoch fehlt es mir an etwas mehr Leben in der Stadt. Es sind deutlich weniger Menschen auf den Straßen, Touristen sind kaum vorhanden und es fehlt an den sonst typischen Geschäften und der Geschäftigkeit.

Nach gut 2 Stunden steigen wir in unseren Urlaubswagen, übrigens ein Infiniti XQ60 und nehmen Ziel auf New Haven. Zunächst dem Interstate 95 folgend, biegen wir dann in Clinton, CT auf den Highway 1 ab und folgen dann dem 146iger. Eine großartige Entscheidung. Wir fahren durch eine fast schon schrecklich kitschige Landschaft - Neu England wie aus dem Bilderbuch. Häuser und Örtchen, zum Träumen schön. Die Zeit scheint hier nahezu stehen geblieben. Beim Anblick kommt man ins Träumen von einem Leben in einer kleinen, heilen Welt.

Am späten Nachmittag erreichen wir New Haven, entscheiden uns aber dem Ort, insbesondere dem Campus der Yale Universität, erst morgen einen Besuch abzustatten. Wir haben ja schließlich Urlaub und wollen uns Zeit geben, Gesehenes zu verarbeiten. Bei einem Abendessen im Städtchen Milford sitzen wir auf der weißen Veranda eines kleinen, für New England typischen Hauses und genießen mit den Anwohnern den milden Freitag Abend bei Grillengezirpe und leckerem Essen.

Bilder findet ihr hier.

Boston

Sonnenlicht schimmert seitlich an den heruntergelassenen Rollos durch das Fenster. Die Uhr zeigt 6:30am, eigentlich Zeit, sich noch einmal umzudrehen und für 2 Stunden die Augen zu schließen. Wären da nicht, eine gut 11stündige Nacht und die Vorfreude auf den beginnenden ersten Urlaubstag.

Na gut, noch ein wenig im Bett bleiben, Nachrichten am iPhone lesen, dösen, bis auch der Rest der Familie erwacht. Gegen 8:30 sind wir dann aber endgültig abmarschbereit und laufen vom Hotel zur Metrostation “WTC”. Die Metro ist ein E-Bus, welcher uns unterirdisch von Seaport nach South Station in Downtown Boston bringt. Die Menschen, den wir auf den ersten Metern zur und in der Metro begegnen wirken alle sehr aufgeschlossen, freundlich und entspannt, was sich mitten in Downtown fortsetzt. Bevor der Tag aber richtig startet, geht es ab zum Frühstücken. Das Café Tatte, direkt an der Ecke Summer St, sieht nicht nur einladend aus - es bietet auch allerhand Köstlichkeiten, welchen wir nicht widerstehen können.

Im Reiseführer habe ich gelesen, die beste Art Boston zu erkunden und dabei die wirklich wichtigen Spots mitzunehmen ist, den Freedom Trail, beginnend am Boston Common bis zum Bunker Hill, zu folgen. Gesagt getan! Boston Common ist eine größere Parkanlage, welche zur Zeit der Gründung (1630) der Stadt zunächst als Viehwiese, später als Feldlager und schlussendlich, bis heute, als eine der ersten öffentlichen Parkanlagen der USA dient. Leicht ansteigend verläuft die Parkanlage hinauf zum Nobelstadtteil Beacon Hill, dem Massachusetts State House. Die Parkanlage und deren Bewohner erwachen gerade - es vermischt sich Kultur und Subkultur.

Wir folgen der doppelten Linie aus roten Backsteinen, welche den Freedom Trail markiert und durchqueren die Innenstadt Bostons im Zickzack. Zwischen den modernen Gebäuden stoßen wir auf alte, geschichtsträchtige Spots, wie die Park Street Church, den Granary Burying Ground, Kings Chapel und lernen, welche Geschichten die Namen Paul Revere, Benjamin Franklin und Samuel Adams mit der Stadt Boston verbinden. Die Stadt ist aufgeräumt und sehr sauber. Wir fühlen uns sehr wohl und nutzen die Parkanlagen und Cafés, um unseren Geist Zeit zu geben, Gesehenes und Erlerntes zu verarbeiten. Am Bunker Hill, einem Denkmal auf einem einstigen Schlachtfeld aus der Gründerzeit der USA, endet der gut 5km lange Freedom Trail.

Bilder zu unserem Boston Spaziergang gibt es hier.

Goodbye San Francisco

Es ist unser letzter Tag in San Francisco - wir haben schon etliche Kilometer auf der Uhr aber sind so verliebt in die Stadt, dass wir uns nochmal hineinstürzen. Zunächst steht ein wenig Schaufensterbummel auf dem Plan - wie immer nicht ohne das ein oder andere Geschäft mit einer Tüte zu verlassen. Das Wetter verspricht noch sonnig zu werden und daher begeben wir uns am Mittag auf die andere Seite der Golden Gate Bridge.

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Die Brücke liegt wunderbar im leichten Wolkennebel, dahinter verdeckt die Stadt. Ein schöner Blick - ein schönes Bild. Wir bleiben ein wenig sitzen, genießen die wärmenden Sonnenstrahlen. In meinem Kopf spielt Hotel California - ich bin so verliebt in die Stadt.

Vom Slacker Hill geht es über die Golden Gate zurück nach San Francisco. In relativer Nähe zur Golden Gate Bridge befindet sich der Golden Gate Park. Ähnlich dem Central Park in N.Y. ist auch dieser Park eine grüne Lunge für die Stadt. Im Japanischen Garten genießen wir eine Tasse grünen Tee und lassen uns von der toll angelegten Gartenanlage beeindrucken.

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Einen der Bilderbuch- und Must-see-Orte heben wir uns für den späten Nachmittag auf - Alamo Park, seine Painted Ladies und einen wunderbaren Blick auf die Skyline von Downtown. Es sind allerdings nicht nur die 6 Ladies, die gesamte Neighbourhood um den Alamo Park ist wunderschön und so entschließen wir uns auch gleich hier Abend zu essen.

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Einen Block entfernt befindet sich, direkt an der Divasadero Street, das 4505 Burgers & BBQ. Wie in 90% aller Restaurants in San Francisco, bekomme ich auch hier ein yummie vegetarisches Gericht. Rundum gesättigt zieht es uns schon langsam ins Hotel zurück. Eine Überraschung habe ich aber noch in petto Twin Peaks und ein finaler Blick im Sonnenuntergang über die gesamte Stadt und San Fran Bay.

Machs gut San Francisco - wir werden uns wiedersehen!

Olympic National Park

Der Morgen in Forks startet ziemlich unterkühlt - nicht unsere Stimmung - die Temperatur. Übrigens, ich hatte gestern gar nicht erwähnt, dass Forks, WA seit den Twilight Büchern einen sprunghaften Anstieg der Besucherzahlen zu verzeichen hat. Die Saga spielt in Forks, sowohl was die Schauplätze in den Büchern betrifft, als auch in den gleichnamigen Hollywood Filmen. Für den kleinen Ort war "ein kleines Konjunkturpaket", Zitat Bürgermeister der Stadt.

Bevor wir uns heute von der Olympic Halbinsel verabschieden und nach Portland, OR fahren, widmen wir uns noch einmal zwei faszinierend schönen Ausschnitten des Olympic National Parks. Wir beginnen im Hoh Rain Forest. Bereits gestern, mit der Ankunft in Forks haben wir bemerkt, dass die westliche, dem Pazifik voll zugewandten Seite der Halbinsel, sehr viel kühler aber auch feuchter ist. Die Natur wirkt längst nicht so von der Hitze der letzten Wochen ausgezehrt.

Auf der Fahrt tiefer in die Wälder verstärkt sich der Eindruck in einen unberührten Urwald zu fahren. Die Straße schlängelt sich entlang des Hoh River. Paul und ich spekulieren, ob wir hier wohl Lachse fangen würden. Die gibt es hier in jedem Fall und nicht nur Angler auf zwei Beinen. Vor Bären wird gewarnt bzw. der richtige Umgang bei einer Begegnung geschildert. Während ich aus dem Fenster starre, summt in meinem Kopf die Titelmelodie aus Brokeback Mountain.

Die Straße endet nach 15 Miles. Wir gehen zu Fuß weiter,  tiefer in den Hoh Rain Forest. Meine Bilder können, wenn überhaupt, nur einen kleinen Eindruck vermitteln. Der Wald wirkt auf mich wie einer der Urwälder aus meinem Geographie Schulbuch - ein Wald aus längst vergangener Zeit. Gigantisch hohe Bäume - Douglasien, Riesenlebensbäume, Oregon Ahorn und Sitkafichten ragen weit in den Himmel. Der Boden und die Bäume sind dicht bewachsen und behangen mit Moosen. Wir laufen durch mannshohe Farne. Alles bleibt wie es ist: Kein Mensch mischt sich in die Geschicke der Natur ein - Bäume wachsen, stürzten zu Boden, vergehen und sind Grundlage für Neues.

Langsam bricht auch die Sonne hinter dem Hochnebel hervor, verdrängt die Wolken, die Strahlen wärmen und verzaubern den Wald. Wir müssen weiter, fahren zurück auf den Highway 101 in Richtung Süden. Nach ca. 30 Minuten Fahrt sind wir wieder am Pazifik. Es bietet sich erneut ein Anblick zum Staunen: Ruby Beach. Große Mengen an Driftwood liegen am Strand. Die Ebbe lässt den Strand noch tiefer und breiter erscheinen. Wir können bis zu einigen der Felseninseln laufen. Vor wenigen Minuten hatten wir noch Waldduft in der Nase, nun ist es wieder frische, salzige Meeresluft.

Es zieht uns weiter. Der 101 bringt uns bis nach Aberdeen. Der Ort hat seine besten Zeiten schon einige Jahrzehnte - bald ein Jahrhundert - hinter sich. Fischfang und Holzwirtschaft sind nicht mehr einträglich und für recht viel mehr hat es bisher noch nicht gereicht.

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Umso erstaunter sind wir, dass wir in dem gottverlassenen Nest eine kleine Perle der Gastfreundschaft finden. The Jitter House ist ein kleines Café welches tatsächlich richtig guten italienischen Kaffee und köstliche Sandwiches zaubert. Gottverlassen ist es überhaupt nicht - der Inhaber ist bibelfest und offensichtlich sehr gläubig. Im Lokal stehen einige Pokale von Bibel Rezitierwettbewerben, nebst diversen Devotionalien und Bibelsprüchen an der Wand. Das Türschild verbindet Patriotismus und Glaube. 

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Seattle, WA - Tag 2

Der 2. Tag steht auf dem Plan und mit ihm ein Blick ins Detail. Ich habe mir vorgenommen unvoreingenommen, den gestrigen Eindruck hintenanstellend, noch einmal von vorn mit der Stadt Kontakt aufzunehmen.

Im Grunde hat die Stadt ihren Namen dem Häuptling Sealth zu verdanken. Er begrüßte 1851 die ersten Siedler unter Führung von Arthur Denny in der Region. Die Denny Party ließ sich am heutigen Pioneer Square nieder und gilt als Begründer der Stadt Seattle.

Der kleine Platz wirkt unscheinbar, ein indianischer Totempfahl steht in der Mitte, ihm gegenüber das älteste Gebäude der Stadt. Die Hochzeit der damals rasch wachsenden und aufblühenden Stadt startete im 19 Jh. zunächst mit dem Holzhandel und dem Anschluss an die Northern Pacific Eisenbahn, dann mit dem Goldrausch am Klondike. 

Wir wenden uns vom Pioneer Square in Richtung 4. Ave, vorbei am J.C. Smith Tower. Der Schreibmaschinenmagnat ließ selbigen erbauen, erlebte jedoch dessen Eröffnung nicht mehr. Es war der erste Wolkenkratzer der Stadt Seattle. Entlang der 4. Ave reihen sich das Columbia Center, die City Hall und die Central Library. Die Gebäude der Straße stammen weitgehend aus den 80iger bis frühen 2000er Jahren.

Um die Mittagszeit herum legen wir am Pike Place Market eine Pause ein und genießen das warme, sonnige Wetter. Ich träume ein wenig vor mich hin, kann architektonisch aber auch der Stimmung in der Stadt nichts abgewinnen. Die Straßen in Downtown sind, man kann es nicht anders sagen, versifft. Aber so etwas von versifft, wie ich es in keiner Klein- oder Großstadt, geschweige denn Metropole, in den USA bisher erlebt habe.

Vom Pike Place Market aus machen wir uns auf in Richtung Capitol Hill. Das von der LGBT Szene dominierte Viertel soll entlang des Broadways mit reichlich ausgefallenen Läden und Cafés seinen ganz eigenen Charme versprühen. Die Straßenbahn bringt uns den Hügel hinauf. Erster Eindruck - es ist wirkt etwas sauberer und sortierter, die Szene ist unaufdringlich sichtbar. Wir laufen entlang des Broadways, vorbei am Swedish Hospital Komplex. Einen besonderen Charme kann ich nicht verspüren, Cafés gibt es keine außergewöhnlichen und auch sonst wirkt Capitol Hill mit seiner LGBT Szene sehr ausgereift und im Zustand "ganz normal" angekommen - ist ja auch gut so.

Die Straßenbahn bringt uns in Richtung International District - ein Komplex aus China- und Japanese Town, welchen wir bereits beim Durchfahren mit der Straßenbahn erfasst haben - schade. ( Ist jedoch schwer, wenn man die Chinatown in San Francisco und New York kennt, von dem was Seattle bietet, beeindruckt zu sein.) Wir schließen den Nachmittag an der Waterfront ab und fahren am späten Nachmittag zurück in Richtung Columbia City und unserem Airbnb Baumhaus.

Nein, die Stadt macht mich nicht an - im Gegenteil: ich ekel mich vor ihr. Obdachlose soweit das Auge blicken kann, offenkundig hat die Stadt bzw. der Großraum ein Problem. Mit Weltkonzernen, wie Starbucks, Microsoft und Amazon als Arbeitgeber dürfte es derartige Auswüchse von Armut nicht geben.

Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer, die Konzerne sind Magneten für gut ausgebildete Fachkräfte, Wohnraum wird knapp und wer bereits am Rande der Existenz lebte, für den gibt es keinen Platz mehr. Habe ich gestern noch ein lobendes Wort für die Gates Foundation und das Allen Institute verloren, frage ich mich heute, warum die Verantwortung für die Gesellschaft immer nur in der Ferne gesucht werden muss...

Schlaflos in Seattle sind mittlerweile vielen Menschen, nicht aus Liebe, sondern vor Kummer und Sorge um Ihre Habe. Da kann die Stadt noch so politisch grün - demokratisch und tolerant sein, für mich wirkt es aufgesetzt und arrogant. Im übrigen kommt die Bevölkerung der Stadt auch so rüber - noch nie habe ich mich in den USA in einer Stadt so unwohl gefühlt.

Palo Duro Canyon

Die Landschaften im Westen werden immer interessanter und so haben wir den heutigen Tag nicht auf der Route 66 verbracht, sondern sind auf einen Abstecher in den nahegelegenen Palo Duro Canyon gefahren. Der Palo Duro ist ein kleiner Bruder des gewaltigen Gran Canyon aber nicht minder schön, wenn nicht sogar viel schöner.

Es geht über weites texanisches Land - Felder und Rinderweiden säumen die Straße - kaum vorstellbar, dass wir in knapp 20 Minuten von Amarillo entfernt, mitten in einem ca. 120 Miles langen Canyon stehen sollen. Und dann taucht am Horizont wirklich ein Bruch in der Weite auf, es klafft eine Lücke in der Landschaft. Zunächst nicht richtig wahrzunehmen, eröffnet sich auf einmal ein phänomenaler Blick in ein tiefes und breites Tal. Ich bekomme das Gefühl mich niederzusetzen und eine Marlboro anzustecken.

Über eine kleine Straße gelangen wir tief in das National Preserve hinein. Zahlreiche leichte bis schwerere Touren stehen zum Wandern bereit. Wir entschließen uns für eine mittelschwere Tour. Es sind schließlich 104°F - keine Wolke am Himmel - man muss es ja nicht übertreiben.

Mit ausreichend Wasser in den Rucksäcken tauchen wir tiefer in die Canyonlandschaft hinein. Es ist ein atemberaubendes Gefühl, umgeben von imposanten roten Felsen, karger Vegetation und in glühender Hitze dieses Naturwunder zu erleben. Natürlich habe ich wieder eine Melodie im Kopf - in einer nicht wollenden Endlosschleife dudelt die Titelmusik "Die Gloreichen Sieben" in meinem Kopf.

Nach gut zwei Stunden sind wir zurück am Auto, völlig verschwitzt aber sehr glücklich geht es zurück ins Motel und ab unter die Dusche. Morgen wartet wieder die Route 66 und trägt uns weiter nach Santa Fe.

Von Oklahoma City nach Amarillo, TX

Der Westen hat uns vollends eingenommen. Die Route 66 trägt uns aus Oklahoma hinaus in Richtung Texas. Bereits wenige Meilen hinter Oklahoma City verändert sich die Landschaft zusehens in eine flache Hochebene. Malerisch stehen Rinder auf den weiten Weiden, andere liegen im Schatten oder an Wasserlöchern. Das ist der wilde Westen!

Den Eindruck von Wildwest Romantik unterstreichen aber nicht nur Flora und Fauna - es sind auch die winzigen Ortschaften, mit ihren zum Teil extrem verfallenen und verlassenen Häusern. Wir kommen nach Texalo - der Ort ist der letzte auf dem Staatsgebiet von Oklahoma und bereits kurz hinter dem Ortsausgang steht das Grenzschild zum Texas. Selbiges markiert auch den 100. Längengrad - ein Landmark, hinter welchem zu Zeiten der Besiedelung das Überleben in der kargen Landschaft auch für Selbstversorger als nur schwer bis unmöglich galt.

Texola liegt direkt an der Route 66 und noch in den 80iger Jahren, kurz vor Eröffnung des Interstate 40 zählte der Ort 750 EW. Täglich rollten 20.000 Fahrzeuge durch den Ort. Heute zählt man dort ganze 15 (!) EW - es rollen am Tag max. 5 Fahrzeuge, vornehmlich Route 66 Touristen durch. Und dennoch, ganz am Ende des Ortes, kurz vor der Grenze zu Texas, gibt es die kleine Bar "Waterhole 2" mit angeschlossenen Cafè. Insbesondere die Bar wirft einen guten Ertrag ab, da im Nachbar County striktes Alkoholverbot gilt.

Die Besitzerin berichtet uns, dass sie aus Las Vegas kommt und Café und Bar vor ca. 10 Jahren übernommen hat. Tragischerweise von Jim, dem Vorbesitzer, der kaltblütig in seiner Bar erschossen wurde. Der Täter, ein vom damals scheidenden US Präsidenten begnadigter Straftäter, wurde in noch in der gleichen Nacht gefangen genommen und erhängte sich selbst in seiner Zelle. Nach dieser tragischen Geschichte kommt irgendwie John Wayne Wild-West-Feeling auf. Wir verlassen Texola, fahren weiter - passieren den 100. Längengrad und sind in Texas.

Unser Ziel, Amarillo liegt noch gut eine Stunde entfernt. Es ist eine menschenleere Gegend. Nur 2% der texanischen Bevölkerung lebt im Panhandle des Bundesstaates - gefühlt niemand. Amarillo klingt irgendwie nach Texas, nach Cowboys, nach Rinderzucht - das Gegenteil ist der Fall. Die Stadt ist zerklüftet, der einstige Mittelpunkt, durch den die Route 66 verlief ist ein fragwürdiges Viertel, in welchem bereits die Seitenstraßen nicht mehr betoniert sind und abgewirtschaftete Hoods beherbergen. Nachts möchte man da nicht durchlaufen.

Das Leben Amarillos hat sich, in typisch amerikanischer Weise, um den I 40 gemischt - Fast-Food-Ketten, Malls und Autowerkstätten. Irgendwie schade, denn damals, als die Route 66 noch existierte, fuhr der Verkehr zwar durch überlastete Dörfer und Städte, diese hatten aber eine zentrale Hauptstraße, mit Fußwegen und allerhand Geschäften.

Es muss, vom zunehmenden Verkehr abgesehen, eine tolle und lebendige Zeit gewesen sein. Dies ist mir in jedem der Orte, welche wir bisher durchfahren haben, in Gedanken gewesen und erinnert mich immer mehr an den Pixar Film "Cars". In dem wird die Geschichte der Orte, welche an der Route 66 lagen auf bestechend treffende Art und Weise in einem Animationsfilm erzählt. Passend dazu summt der Song "Life is a Highway" in meinen Gedanken.

Von Springfield, MO nach Tulsa, OK

Es treibt uns weiter und wir verlassen Springfield und damit auch rasch den Bundesstaat Missourie. Die Route 66 trägt uns in die Staubschüssel der USA nach Oklahoma. Die Landschaft flacht immer mehr ab - Farmen bedeutet hier vor allem Rinderzucht.

Die Straße hat hier wirklich romantische und ländlich-idyllische Abschnitte. Knapp 25 Miles westlich von Springfield treffen wir auf Gary's Gay Parita - und seine irre Route 66 Devotionaliensammlung - er und die Sammlung sind ein Unikum, machen aber genau das aus, was die Route 66 so legendär macht.

Weiter geht es auf kleineren und größeren Straßenabschnitten, stehts ländlich und westernartig - die Titelmusik von Bonanza will mir nicht aus dem Kopf gehen - aber genauso sieht es hier aus. Wir treffen auf das kleine Örtchen Carthage und lassen uns bei Ed und Kate im "Mother Road Coffee" verwöhnen. Es ist keine der typischen Kaffeehaus Ketten - hier kommt der Kuchen noch von Muttern, vielmehr Großmuttern - und die kann es wirklich! Kate und Ed kommen nicht aus der Gegend, sind zugezogen und haben in dem kleinen Örtchen genau das eröffnet, was den beiden am meisten gefehlt hat - ein Café.

Wir fahren weiter - das Wetter hat sich gedreht. Dunkle Wolken hängen am Himmel und für den Nachmittag sind schwere Gewitter vorhergsagt. Wir befinden uns wie gesagt in Oklahoma - wem das nichts sagt, dem sei gesagt, dass es im Jahr hier 54 Twister gibt - gesehen haben wir keinen aber konnten uns bei den aufziehenden Unwettern gut vorstellen, wie es wohl sein mag, wenn plötzlich ein Rüssel aus den Wolken wächst.

Nach ergiebigen Regenschauern und Blitzen erreichen wir Tulsa, OK. Die Stadt ist in Bewegung - offenbar hat man in den letzten Jahren viel investiert, gebaut und hergerichtet. Downtown ist von größeren Gebäuden geprägt aber drum herum, in ehemaligen Industriegebieten entstehen in alten Werk- und Lagerhallen interessante neue Wohnungen, Büros, Bars & Restaurants im Loftcharakter.