A 1903 Legend

Wir sind in York, PA. Der Ort geht auf die Zeit um 1700 zurück, dass älteste Haus aus dieser Zeit, die Golden Plough Tavern, erbaut von 1741 von einem deutschen Einwanderer Namens Martin Eichelberg steht noch immer im heutigen Zentrum der Kleinstadt.

Viel Getümmel ist in den Straßen nicht los und dennoch herrscht Betriebsamkeit in der Kleinstadt. Sehr auffällig sind üppige und gut erhaltene Bauwerke aus dem 18ten und 19ten Jh., welche darauf schließen lassen, dass die Kleinstadt bereits in früheren Zeiten mehr als ein Fleck auf der Landkarte war. Aus der Geschichte geht hervor, dass York sowohl im Unabhängigkeitskrieg, als auch im Bürgerkrieg strategisch bedeutsame Stellung eingenommen hat. Zudem profitierte die Stadt im 19ten und 20ten Jh. von der industriellen Fertigung.

Motorradfans unter meinen Lesern werden jedoch hellhörig, wenn sie den Namen York, PA lesen. Hier in York steht eine der größten Fertigungsanlagen des legendären Motorradherstellers, Harley-Davidson. Wer meinen Reiseblog verfolgt, der weiß, dass wir in jedem Jahr einem typisch amerikanischen Industriezweig einen Werksbesuch abstatten. Jawohl, in diesem Jahr ist es die Fertigung bei Harley-Davidson.

Eines sei zuvor erwähnt. Ich besitze keinen Motorradführerschein und habe bisher wenig Herzblut für Motorräder übrig gehabt. Wir schlüpfen in Warnwesten und tragen Sicherheitsüberschuhe, legen ein Headset an, folgen zunächst aufmerksam den Sicherheitsinstruktionen unseres Tourguides und bekommen einen Imagefilm zur Marke H-D zu sehen. Dann geht es los, die Tür öffnet sich und wir stehen in den Fertigungshallen.

Alles beginnt mit der Verformung des guten US-amerikanischen Stahls aus Ohio. Große Pressen verformen diesen in Schutzbleche und Tankhälften. Laser cutten den Überstand ab, die zwei Hälften des Tanks werden von Robotern zum Tank zusammengefügt. Weiter geht es zur Rahmenfertigung. Die Rohteile werden von einem Mitarbeiter in eine spezielle Form gespannt, den Rest übernehmen die Schweißroboter. Auf der anderen Seite der Maschine kommt der Rahmenrohling heraus. Es sind drei Grundrahmen, aus welchen hier in York die verschiedenen Motorradtypen gefertigt werden.

Nächster Stop ist die Lackiererei. Im Grunde gibt es nicht viel zu sehen, da alle Teile in Reinräumen zunächst gewaschen, grundiert und danach lackiert werden. Auf den Lack wird jedoch größten Wert gelegt und so erfahren wir, dass Bauteile in Multicolor-Ausführung 12 Stunden benötigen, bis diese zur Weiterverarbeitung freigegeben werden. Jedes lackierte oder pulverbeschichtete Bauteil wird aufwendig inspiziert und auf mögliche Mängel überprüft.

Der dritte Abschnitt der Fertigung, welchen wir besichtigen, dient der Endmontage. Wir werden Zeuge, wie sich der nackte Rahmen zum fertigen Kultobjekt verwandelt und sind stets hautnah und nur wenige Schritte vom Fertigungsprozess entfernt. Selbstverständlich arbeitet auch Harley-Davidson mit bereits vorgefertigten Baugruppen, welche teilweise am Standort York oder an anderen Standorten der USA gefertigt werden. H-D fertigt jedoch anders als beispielsweise deutsche Automobilhersteller die Baugruppen selbst.

Jedes Motorrad durchläuft am Ende des Fertigungsprozesses eine letzte Qualitätskontrolle, wobei ca. 1-2% der Motorräder tiefer gehenderen Qualitätschecks zugeführt werden. Ist die Qualitätskontrolle durchlaufen wird den Maschinen auf zweierlei Weise Leben eingehaucht. Die Elektronik erhält die Firmware, die Mechanik ihr Benzin. Dann heißt es für jede Maschine: Prüfstand. Auffällige Maschinen werden hier zum letzten Mal inspiziert und korrigiert, danach geht es in die Verladung. Gut 31% der Maschinen werden exportiert. Insbesondere APAC Staaten gehören zu Importeuren.

Die Tour endet nach einer Stunde und hat mich begeistert. NEIN, das stimmt nicht - ich habe mich verliebt 🥰. Sie ist eine Harley-Davidson Sportster, heißt IRON 1200 und geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Bilder aus York, PA gibt es hier.