Auschwitz - Birkenau

Es ist Pfingsten 2018. Wie in jedem Jahr bin ich mit meinem Sohn Paul zu dieser Zeit unterwegs und wir besuchen eine europäische Hauptstadt. In diesem Jahr haben wir unsere Reise etwas verändert und beginnen in Krakau, bevor wir uns der polnischen Haupstadt Warschau widmen.

Wer geografisch etwas bewandert ist, dem ist bekannt, dass sich ca. 1 Autostunde südwestlich von Krakau der Ort Oswiecim befindet. Den meisten Menschen ist dieser Ort wohl eher unter dem Namen Auschwitz bekannt.

Am 19. Mai 2018 klingelt uns der Wecker bereits um 5:20 Uhr wach. Rasch die Zähne geputzt und angezogen. Um 5:55 Uhr werden wir bereits von unserem Shuttelbus abgeholt. Schwere Kost steht an diesem ersten Urlaubstag so früh auf dem Ausflugsplan.

Ausflug - wie das klingt. Darf man soetwas eigentlich sagen? Wir machen einen Ausflug nach Auschwitz? Streichen wir das Wort lieber und sagen, wie machen uns auf den Weg, um uns mit einem Teil deutscher Vergangenheit auseinanderzusetzen. Viel bekomme ich nicht mit von der Fahrt, die uns durch weitgehend flache und üppig grüne Landschaft führt, weil es mir die Augen immer wieder zuzieht - es ist einfach noch zu früh am Morgen.

Der Parkplatz ist noch weitgehend leer, als unser Shuttelbus den Motor abstellt. Wir befinden uns am Haupteingang des Museums Auschwitz. Unscheinbar - das ist mein erster Gedanke. Ein dunkelroter, ebenerdiger Backsteinbau liegt vor uns. Es folgt eine Sicherheitskontrolle wie man sie vom Flughafen kennt. Wir bekommen Audioguides, unser Tour-Guide (...ja man bucht tatsächlich eine Tour...) spricht Englisch mit polnischem Akzent. Er fordert uns auf durch die Eingangsperren zu gehen und das Gebäude am Ende des Ganges wieder zu verlassen.

Das ist es, das Tor mit der so bös bekannten Überschrift "ARBEIT MACHT FREI". Wir betreten durch dieses Tor Auschwitz I, auch Stammlager genannt, das erste von insgesamt 3 Konzentrationslagern. Verrosteter Stacheldrahtzaun, welcher damals unter Hochspannung stand, umzäunt das Gelände. Immer wieder unterbrochen von Wachtürmen, im unteren Segment aus grauem Beton und im oberen Segment aus dunklem, verwittertem Holz bestehend. Die Baracken sind dreistöckige Gebäude aus roten Backsteinen, welche in Reihen gebaut wurden.

Der Tourguide berichtet, dass dieses Lager zunächst dazu diente Verbrecher, politisch Gefangene und sexuell anders denkende Menschen, sowie polnische Intelektuelle und sowjietische Kriegsgefangene hier unterzubringen. 70.000 Menschen starben hier, vorallem in Folge der schlechten Haftbedingungen, schwerer körperlicher Arbeit und mangelnder Ernährung.

Die Gebäude sind heute Teil des Museums. Bilder und Zeitdokumente befinden sich an den Wänden und in Vitrienen. Noch immer wirkt alles sehr abstrakt - das ändert sich aber schlagartig, als wir einen Raum betreten, in welchem eine große, gläserne Urne auf einem Sockel in die Wand eingerückt steht. Man kann die Asche von hier ermordeten Menschen sehen. Plötzlich bringe ich die Menschen auf den Bildern an den Wänden gedanklich in die Urne - es fühlt sich bedrückend an und soll nur der Anfang von dunklen Gedanken und Gefühlen sein.

Wir lernen unter welchen Bedingungen die Menschen hier zwischen wenigen Tagen, Wochen und Monaten vegitieren mussten. Der Tourguide berichtet von ersten medizinischen Versuchen, die in diesem Lager I begannen, von den entwürdigenden Maßnahmen, welche die Menschen über sich ergehen lassen mussten. Immer wieder springt der Tourguide gedanklich in Lager II, auch bekannt unter dem Namen Auschwitz II oder Auschwitz-Birkenau. Bilder an den Wänden zeigen die "Rampe" an welcher die Züge ankamen und die Menschen von Dr. Mengele selektiert wurden.

Wer augenscheinlich alt, krank, schwanger oder ein Kleinkind war wurde sofort aussortiert. Alle verbleibenden Menschen wurden innerhalb Auschwitz-Birkenau in Baracken zugewießen. Die  privaten Gegenstände, (max. 25kg durften die Gefangenen aus ihren Getthos oder privaten Wohnungen in den Zügen nach Auschwitz mitnehmen) verblieben an der Rampe.

Der Tourguide springt zurück in die Räumlichkeiten von Auschwitz I, durch welche wir unsere "Tour" fortsetzen. Wir betreten einen rechteckigen Raum an dessen längerer Seite sich eine  Glaswand befindet. Dahinter liegen Bergeweise, abgeschnittene und verfiltzte Haare. Man kann unterschiedliche Haarfarben ausmachen, Zöpfe erkennen. Ekel macht sich ob des Anblicks in mir breit, während der Touguide die Verwendung der Haare schildert. Decken, Socken, Matratzenfüllung ... wiederlich, grausam, einfach schrecklich!

Im nächsten Raum befinden sich hinter einer ähnlichen Glaswand Koffer. Darauf stehen die Namen und Wohnorte der "Reisenden". Sara, Josef, Ludmilla ... wieder entsteht der Bezug zu den Menschen. Es geht weiter 70.000 Schuhe ... ausgetretene-, schicke-, Winter-, Sommer, Herren- und Damenschuhe ... und wieder dieses Ekelgefühl. Der Tourguide redet in Zahlen, ich denke an die Namen, suche gedanklich die Schuhe dazu und sehe die Gesichter an den Wänden. Alles läuft an mir vorbei... und der nächste Raum schlägt noch schonungsloser zu. Baby- und Kindersachen, bunte Kinderschuhe... es folgen unmengen an Brillen, Kämen, Schüsseln und Haushaltsgegenständen - alles zurückgelassen an der Rampe.

Wir verlassen das Gebäude. Inzwischen ist es nach 9:00 Uhr, zarte Sonnenstrahlen durchdringen die morgentliche frische Luft in Auschwitz und es fröstelt mich innerlich. Wir laufen am "Krankenhaus" vorbei. Es ist keines! Wer hier rein ging bekam eine Injektion Phenol und hatte wenig später diesen grausamen Terror "überstanden". Der letzte Block führt uns in den Keller. Folterzellen, kleine Gaskammern, in welchen die SS begann mit Hilfe von Zyklon B die Vernichtungsmaschine zu erbroben. Es geht durch den Innenhof, in welchem Erschiesungen stattfanden und schlussendlich ins Krematorium. Wir sind durch! Der Tourguide erzählt irgendetwas von ...15 Minuten Pause, dann am Parkplatz treffen ... Es ist 9:30 Uhr und ich bin bis obenhin bedient. Einige Mitstreiter der Museumstour weinen.

Meine Hände wärmen sich an einem billigen Automaten Cappuccino, während wir auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau sind. Das 2. der 3 Auschwitzlager ist ca. 2km vom Stammlager entfernt. Wieder ein Parkplatz. Da ist es - das bekannte große Durchfahrtstor, durch welches die Züge in das Vernichtungslager einfuhren. Wir durchqueren es zu Fuß und blicken auf ein gigantisch großes Areal. Laufen auf der Rampe bis etwa mittig. Hier steht ein letzter Wagon, in welchem die Menschen nach Auschwitz transportiert wurden. Bis zu 14 Tage dauerten diese Fahrten, berichtet uns der Tourguide.

Da steh ich nun - Millionen von Seelen schwirren um mich herum. Sie kamen hier an, Tags, Nachts, im Sommer, im Winter. Die Wagons wurden geöffnet. SS Soldaten schrien, Hunde bellten, Schüsse vielen, Kinder weinten, Familien wurden auseinander gerissen. Ich blicke zu meinem Sohn Paul und in mir krampft sich alles zusammen. Die Angst dieser Rampe ist spürbar. Wir folgen den Spuren der Mehrzahl dieser Menschen, in Richtung eines kleinen Wäldchens, am Ende des Lagers. Heute ist hier zentral eine großes Denkmal. In allen Sprachen steht auf dem Boden: "Dieser Ort sei allzeit ein Aufschrei der Verzweiflung und Mahnung an die Menschheit."

Zur rechten und zur linken Seite des Mahnmals öffnet sich der der Boden. Man blickt in die unterirdischen Entkleidungskammern. Darauf folgend die unterirdischen Gaskammern für 700 Menschen. Bis zu 700 Menschen wurden gleichzeitig vergast - nicht am Tag - ca. alle 60 Minuten. Aus der Gaskammer heraus wurden die leblosen Körper mit Hilfe einer Aufzuganlage in das Krematorium befördert und sofort eingeäschert. Was für eine grausam durchdachte Maschinerie.

Wir laufen eine der Lagerstraßen hinauf zum Haupteingang. Mein Blick schweift über die rießige Lagerfläche. Es stehen nicht mehr viele der Baracken. Nur die steinernen Kamine ragen aus den Sommerwiesen empor. Dazwischen Magaritten, ich sehe Hasen herumhoppeln und es wirkt als ob Mensch und Natur gemeinsam beschlossen haben, diesem Ort eine Jahrhunderte währende Stille aufzuerlegen. Dieser ganze Ort, jeder Quadrazentimeter ist voll mit Asche - die ganze Region ist voll von Flugasche. Schätzungsweise 1.500.000 Menschen wurden hier vernichtet.

Wir verlassen Auschwitz in unserem Shuttlebus und ich bin leer im Kopf. Es stimmt mich versöhnlich, als ich auf die Rückbank sehe. Geschaftt und friedlich schlafen ein 16 jähriges polnisches Mädchen, ihre Mutter und eine 16 jährige Austauschschülerin aus Conneticut. Sie fahren geminsam mit Paul und mir, den Erben dieser Geschichte, vertrauensvoll und versöhnlich zurück nach Krakau.

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